Tierrechtsforum
Hier können Vorgehensweisen diskutiert und Informationen ausgetauscht werden, die dazu dienen, die Tierrechte zu verwirklichen.

 Forenübersicht  •  neues Thema  •  nach oben  •  zum Thema  •  Suche  •  Anmelden  •  RSS   voriger Beitrag  •  nächster Beitrag 
 Sklaverei-Parallelen (Formen, Bewertung, Abschaffung)
Name: martin Permalink: http://tierrechtsforen.de/1/7481/8004

Datum: 29.12.09 13:06
Dieser Beitrag wurde 8784 mal gelesen

Es gibt bei heise ein zweiteiliges Interview (1, 2) mit dem Althistoriker Egon Flaig, der ein neues Buch ("Weltgeschichte der Sklaverei") über alte und neue Formen der Sklaverei geschrieben hat.

Zu großen Teilen geht es um verschiedene (v.a. juristisch unterschiedene) Formen der Sklaverei, worin sich kaum Parallelen ergeben (nichtmenschliche Tiere haben all fast den gleichen Sklaven-Status), aber es finden sich dennoch andere Aussagen, die Parallelen zur heutigen Nichtmenschensklaverei eröffnen.

Zitat:
Die anderen Formen von Unfreiheit und auch die neuen sind überhaupt nur bekämpfbar, weil die Sklaverei selber - fast überall - verboten ist. Wäre dem nicht so, hätten wir keine Chance, die anderen Formen der Unfreiheit zu bekämpfen. Noch mehr: Wir würden gar nicht erkennen, dass die anderen Formen ein Problem sind. Wenn Sklaverei existiert, dann verschieben sich fundamental und weitreichend alle Begriffe von zwischenmenschlicher Gerechtigkeit. Warum sind wir denn empört über Zwangsprostitution, Schuldknechtschaft, Kinderverkauf? All das sind soziale Praktiken, für die sich immer Rechtfertigungen finden lassen - nämlich aus "kultureller Besonderheit". Was gibt uns also das Recht, uns empört zu zeigen? Das ist überhaupt nicht natürlich. Das ist kulturell bedingt; daher historisch erworben.
[...]
Einzig und allein die moralischen Maßstäbe der Abolitionisten des 19. Jahrhundert geben uns das Recht zur Empörung. Wir sprechen mit ihren Vokabeln, wir denken in ihren Begriffen - auch wenn es uns nicht bewusst ist. Aber das war einmal sehr bewusst.

Wer Menschenausbeutung fraglos ablehnt, aber nicht die Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere und das für normal und selbstverständlich hält, hat nicht begriffen, daß das erste auch nur ein erlerntes und gemachtes soziales Konstrukt ist. Diese Konstruiertheit von Tierrechten ist also nicht schlecht, sondern gut (genauso wie die von Menschenrechten), und daher auch nicht als Argument gegen Tierrechte geeignet. (Vielleicht werden in zweihundert Jahren Schlachthöfe nur noch als Museen existieren und die Menschen sich fragen, wie so etwas "normal" und akzeptiert sein konnte.)

Zitat:
Wer glaubt, die Menschenrechte seien eine westliche Erfindung - eine böse zumal, um die sogenannte dritte Welt unter imperialistischer, moralischer Hegemonie zu halten, wer das glaubt, kann gegen Sklaverei nichts tun. Daher die Hilflosigkeit der sogenannten Linken in der Darfur-Frage und im südsudanesischen Bürgerkrieg. Die Hunderttausende, die dort versklavt wurden, dürfen eigentlich nicht befreit werden. Denn Sklaverei kann ja gar kein Verbrechen sein, wenn die Kultur vor Ort sie praktiziert. Sklaverei ist in der Tat nur ein Verbrechen, wenn man den Standpunkt der westlichen Abolitionisten - und daher der Menschenrechte - einnimmt.

Diesen Kulturrelativismus (man dürfe die kulturellen Praktiken nicht aufgrund seiner eigenen Kultur verurteilen) findet sich auch in der Tierrechtsfrage. Asiaten lehnen es ab, für das Essen von Hunden und Katzen verurteilt zu werden, Westler für das Essen von Kühen, Japaner für das Essen von Walen usw. Alle Seiten berufen sich auf ihre Kultur und glauben einer ethischen Immunität zu unterstehen, aber vom Standpunkt objektiver Ethik aus haben alle gleichermaßen unrecht: Menschenrechte ergeben sich aus der Natur des Menschen und nicht aus seiner kulturellen Umgebung (in Afrika geschlagen zu werden tut nicht weniger weh als in Europa). Das gleiche gilt bei nichtmenschlichen Tieren. In Europa Kühe zu töten ist genauso falsch, wie in China Hunde zu töten (nicht etwa weniger falsch, wie Tierschützer behaupten).

Zitat:
Sie verwenden das Wort "Relativieren" so, als hieße es "Verharmlosen". Worte haben präzise Bedeutungen. Wenn wir zur Bierflasche "Waschmaschine" sagen, dann zerstören wir die Basis unserer Kommunikation - und wir zerstören die Basis unserer Intelligenz. Denn Intelligenz bemisst sich an der Fähigkeit, Differenzen wahrzunehmen und sie zu verbegrifflichen. Relativieren hat überhaupt nichts zu tun mit "leugnen" oder "verharmlosen". Das Gegenteil ist richtig. Wenn ich Lagersysteme miteinander vergleiche, dann relativiere ich das Funktionieren. Das scheint eine kühle Operation zu sein, die sich an "objektiven" Gegebenheiten orientiert. Ganz richtig. Aber gerade deswegen begreife ich das subjektiv erfahrene Leiden besser. Warum besser? Weil ich nicht kurzschließe - wie das Mitleid es tut (und Mitleid ist eine ungemein wichtige Gabe des Menschen) -, sondern Erfahrungen von den Situationen her konstruiere.

Das sollten all die Überdenken, die Analogien (eben wie die Sklavenhaltung von Menschen und von nichtmenschlichen Tieren) ablehnen, weil sie das "Leiden relativieren" würden. (Zumal die Tierausbeutung quantitativ und qualitativ den geschichtlich und aktuell größten Unrechtszustand mit den höchsten Opferzahlen darstellt, sodaß ein "Vergleich" eher sie "verharmlost" würde und nicht das Vergleichsobjekt.)

Zitat:
Die Abschaffung der Sklaverei erfolgte durch die politische und militärische Macht der westeuropäischen Staaten.

Wer hier denkt, das spräche für Reformismus, weil sich dieser auf "politische Änderungen" konzentrierte, und damit gegen (Tierrechts-)Abolitionismus, der sich auf die Überzeugung Einzelner vom Veganismus konzentriere, liegt falsch. Denn eigentlich besteht Übereinstimmung darin, daß viele Menschen nicht den Status einer persönlichen Ethik erreichen werden, der sie zu überzeugten Antispeziesisten werden läßt (genauso wie es heutzutage immer noch viele Sexisten und Rassisten gibt). Die Frage ist daher, wie man ein Gesellschaftssystem erreichen kann, daß die Rechte der nichtmenschlichen Tiere (gegenüber solchen Menschen) durchsetzen kann. Hier erst tritt der Unterschied auf: Reformismus meint, um das System zu ändern, müsse man dessen Auswirkungen bekämpfen, Abolitionismus meint, um das System zu ändern, müsse man durch die Überzeugung Einzelner eine soziale Bewegung schaffen, die gegenüber Politik und Wirtschaft die Änderungen durchsetzt (analog zur Bürgerrechtsbewegung, die sich gegen Rassismus richtete, und anderen Parallelen). Um also überhaupt den Zustand, daß Nichtmenschensklaverei politisch abgeschafft werden kann, zu erreichen, braucht man Abolitionismus, denn Reformismus wird die Tierausbeutung nur immer weiter umgestalten, aber nicht abschaffen.

 Beitrag beantworten  •  Gesamtbeiträge   neueres Thema  •  früheres Thema 

 Themen Name  Datum
 Rassismus- und Sklaverei-Parallelen   neu 
 martin 22.09.09 15:18 
 Re: Rassismus- und Sklaverei-Parallelen   neu 
 Achim Stößer 22.09.09 16:34 
 Re: Rassismus- und Sklaverei-Parallelen   neu 
 bacanlova 23.09.09 11:06 
 Sklave von Gottes Gnaden   neu 
 martin 23.09.09 14:17 
 historischer Radikalismus   neu 
 martin 11.12.09 17:48 
 Verdammt, die Vergangenheit zu wiederholen   neu 
 Achim Stößer 11.12.09 23:10 
 Garrison und Douglass: Sklaverei ist Mord   neu 
 martin 12.12.09 14:14 
 Sklaverei-Parallelen (Formen, Bewertung, Abschaffung)   neu 
 martin 29.12.09 13:06 
 weitere Parallelen   neu 
 martin 16.07.10 17:53 


 Forenübersicht  •  neues Thema  •  nach oben  •  zum Thema  •  Suche  •  Anmelden  •  RSS 
 Beitrag beantworten
 Name:
 Email:
 Spamschutz: Dieser Code muss kopiert werden 
 Titel:
  [b]fett[/b] | [i]kursiv[/i] | [u]unterstrichen[/u] | [quote]Zitat[/quote]
  [url]http://[/url] | [url=http://]Linktext[/url] | [img]Bild[/img]
  Richtlinien sowie Forenbeschreibung und FAQ gelesen?
  Suchfunktion benutzt?
   
Vegan
Tierrechte