Tierrechtsforum
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 Biologie und (vermeintliche) Kunst
Name: michael j Permalink: http://tierrechtsforen.de/1/8177

Datum: 02.01.10 04:21
Dieser Beitrag wurde 3482 mal gelesen

Ein recht interessanter Artikel bei Telepolis der so manche abstrusen Gedanken anspricht. Dabei ist auch bemerkenswert was sich alles unter dem Begriff "Kunst" verbirgt.
(von mir aufs relevanteste gekürzt, den ganzen Artikel findet man hier)

Zitat:

Biologie und Kunst
Joachim Allgaier 02.01.2010

Künstliche Häute, lebende Kunstwerke und Biohacking für Bürgerinnen und Bürger

Im Zeitalter der Biotechnologien verändern sich die Grenzziehungen zwischen Natürlichem und
Künstlichem; kontinuierlich und beständig bieten technische Errungenschaften neue Möglichkeiten,
Lebewesen genetisch zu manipulieren und diese nach menschlichen Vorstellungen zu entwerfen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, sich einmal anzusehen, welche Tendenzen es in der
gegenwärtigen Kunst zum Thema Biotechnologie gibt und wie Künstler lebenswissenschaftliche
Technologien für sich nutzbar machen. Nicht zuletzt gibt es zudem Bestrebungen,
lebenswissenschaftliche Verfahren in Form einer "Do-it-yourself"-Biologie für Bürgerinnen und
Bürger erfahr- und nutzbar zu machen.


[..]

Haut als Kommentar zu "Amerikas Ethik und Moral"

Immer wieder bekommt man Schauergeschichten zu hören und zu lesen, in denen berichtet wird, dass
kunstvoll tätowierte Menschen gehäutet wurden, um dadurch den in die Haut gestochenen Kunstwerken
ein Weiterbestehen etwa in Form von Lampenschirmen (6) zu sichern.

Auf Berichte wie diese hat der amerikanische Künstler Andrew Krasnow damit reagiert, dass er die
Haut von Verstorbenen, die ihre Körper der medizinischen Forschung vermacht haben, tatsächlich dazu
benutzt hat, um daraus Lampenschirme, Flaggen, Karten und sogar Stiefel anzufertigen. Krasnow
versteht seine Arbeit als Kommentar zu menschlichen Grausamkeiten und Amerikas Ethik und Moral
(7). Darüber hinaus finden sich auch heute noch im Englischen unter dem Fachausdruck
Anthropodermic Bibliopegy (8) das Vorgehen, Bücher in Menschenhaut einzubinden (9).

Das neue Ohr

Die Designer des französischen Skinbag Teams (10) machen sich einen Spaß daraus, künstliche
Materialien zu entwickeln, die menschlicher Haut äußerst ähnlich sehen, um daraus zum Teil bizarre
Modeobjekte zu schneidern. Nicht ganz ernst zu nehmen, ist wohl die Website von Human Leather
(11), auf der die Macher versprechen Gürtel, Geldbörsen und Schuhe aus menschlicher Haut zu
liefern.

Wesentlich ernstzunehmender ist hingegen die 2008 in Liverpool von Jens Hauser kurierte Ausstellung
sk-interfaces (12), die zum Ziel hatte, Haut als eine Gegebenheit zu thematisieren, an der Kunst,
Technologie, Wissenschaft, Philosophie und Kultur zusammentreffen können. Hier ging es vor allem um
die Trennung und Konvergenz von künstlichen und natürlichen Membranen, auch und vor allem durch den
Gebrauch von biotechnologischen Verfahren und der künstlichen Schaffung neuer Häute und Membranen,
die mit den bisherigen Natürlichen verschmelzen und diese überlagern (13).

Hier präsentierte beispielsweise die Bio- und Körperkünstlerin Orlan (14) ihren Harlekin Coat,
einen Patchwork-Mantel in Lebensgröße, der aus im Reagenzglas gezüchteten Hautzellen
unterschiedlicher Kulturen und Spezies besteht und die Verschmelzung unterschiedlicher kultureller
Einheiten symbolisieren soll. Der Prothesenkünstler Stelarc (15) hat sich im Rahmen dieser
Ausstellung ein künstliches Ohr auf seinen Unterarm implantieren lassen, das ausgestattet mit einem
Mikrophon und einem Bluetooth-Sender eine Art Internet-Organ des Körpers darstellen soll. Sterlac
möchte hiermit die Miniaturisierung und Biokompatibilität von zukünftigen
Kommunikationstechnologien thematisieren, die seiner Meinung nach die bisherigen Grenzziehungen
unseres Hautorgans penetrieren werden.

[..]

Gewachsene Lederjacken

Die Biokünstler Oron Catts and Ionat Zurr, die hinter dem umtriebigen australischen Laborprojekt
SymbioticA (19) stecken, in dem die Schnittstelle zwischen den Lebenswissenschaften und der Kunst
erforscht wird, waren mit dem Tissue Culture and Art Projekt Victimless Leather vertreten (20). In
diesem Werk ging es darum, aus einer Vermischung von menschlichen Zellen und Zellen von Mäusen
künstliche Haut in Form einer nahtlosen Lederjacke wachsen zu lassen.

Wie schon im vorherigen Projekt Disembodied Cuisine, in dem sie aus den Zellen eines Frosches im
Bioreaktor "opferfreies" Fleisch gezüchtet und in einem Performance Ritual verspeist haben, ohne
den Frosch dabei zu erlegen (der Forsch der die Zellen "gespendet" hat, war bei der Verzehrung des
Kunstprodukts anwesend), geht es um die Frage, ob es dank moderner Biotechnologien eine
Gesellschaft geben könnte, in der nicht-menschliche Lebensformen nicht Opfer des menschlichen
Lebensstils werden.

Fleisch auf der Basis körpereigener Zellen

Die Aufzucht und Fütterung und sowie das Am-Leben-Erhalten der biologischen Kunstwerke, ebenso wie
die in einem Ritual dargebotene Tötung der lebensfähigen Objekte, werden hier als Teil der
Performance inszeniert und sind Teil des Gesamtkunstwerks. Die Vergänglichkeit dieser biologischen
Kunst stellt zudem neue Fragen an den Kunstbetrieb, etwa ob derartige Kunstwerke kommerzialisiert
und veräußert oder archiviert und ausgestellt werden können.

Immer noch offen ist das von der vegan lebenden Tierrechtsaktivisten [sic] Ingrid Newkirk vorgeschlagene
Projekt, Fleisch auf der Basis ihrer eigenen Zellen zu züchten und dann in einer Performance
öffentlich zu verspeisen. Den Namen für "Newkirk Nuggests", die in diesem Projekt entstehen sollen,
hat sie sich jedenfalls bereits patentieren lassen (21).

Diese Projekte seien hier nur stellvertretend für unzählige weitere Ansätze in Kunst, Wissenschaft
und Ingenieurwesen erwähnt, in denen Lebendiges mit Technischem verschmilzt und in denen die
Grenzen zwischen Künstlichem und Natürlichem zunehmend verwischt werden (22).

Leuchtende Hasen, Ameisen und Happy Meals

Die Künstlerin Elizabeth Demaray (23) beispielsweise stellt die Frage, was passieren wird, wenn
man andere Lebensformen mit der hochgradig industrialisierten Nahrung versorgt, die wir Menschen zu
uns nehmen. Zu diesem Zweck hat sie, gemeinsam mit einer Ökologin vom American Museum of Natural
History, einen gigantischen Ameisenbau (24) in einer Galerie gebaut und füttert die darin lebenden
Ameisen, inspiriert vom Morgan Spurlocks filmischen Selbstexperiment Supersize Me (25),
ausschließlich mit Happy Meals von McDonalds. Ansonsten stellt sie Hörstationen für Vögel in den
Wald, auf denen menschliche Musik gespielt wird, designt neue Behausungen für Einsiederkrebse,
strickt Kleidung für Bäume und Steine oder schneidert nukleare Gefechtsköpfe in Samt ein.

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch einer der bekanntesten Bioartists: Eduardo Kac (26).
Kac hat unter anderem mit Alba im Jahr 2000 eines der ersten so genannten transgenen lebendigen
Kunstwerke geschaffen; es handelt sich um einen Hasen (GFP Bunny), der im Dunkeln leuchtet, weil in
seinem genetischen Bauplan die entsprechenden Gene von Quallen eingefügt wurden (27).

Manipulationsmöglichkeiten im biotechnischen Zeitalter

Seit dem Jahr 2004 sind den USA unter dem Namen Glofish von einem kommerziellen Anbieter
genmanipulierte Zebra-Buntbarsche für gerade einmal 5 US-Dollar das Stück erhältlich, die unter
ultraviolettem oder schwarzem Licht rot glühen (28). In seinem neusten Werk Natural History of the
Enigma hat Kac eine gentechnisch veränderte Pflanze hergestellt, in deren DNA er einen Teil seiner
eigenen Gene einfügen ließ. Als Resultat lässt sich Kacs DNA nun in der Petunie nachweisen, womit
es sich bei dem Werk um eine neue Schöpfung namens "Edunia" handelt, die teils Pflanze, teils
Mensch ist. Neben weiteren Auszeichnung wurden Kac und seine naturwissenschaftlichen Mitstreitern
von der Universität von Minnesota mit der Verleihung des Golden Nica Preises bei der diesjährigen
Ars Electronica (29) geehrt.

Biokünstler wie Eduardo Kac oder die Gründer von SymbioticA wollen durch die Arbeit mit
biotechnischen Verfahren und der Bearbeitung von lebensfähigem Material den Stellenwert von Leben
und die technische Manipulation desselben im biotechnischen Zeitalter thematisieren und die
Öffentlichkeit zu Stellungsnahmen zu diesem Themenkomplex reizen. Mit ihren Kunstwerken wollen sie
unter anderem demonstrieren, was bereits technisch möglich ist.

Provokationen sind bei transgenen und andere biotechnologischen Kunstwerken, wie schon bei vielen
körperbezogenen Kunstwerken zuvor - man denke nur etwa an die Fotografien von Joel-Peter Witkin
(30), das blutige Geschlachte von Herman Nitsch (31), oder die aus Leichen gefertigten Skulpturen
von Gunther von Hagens (32), die unter anderem zwei Menschen bei Geschlechtsakt darstellen und von
ihm als anatomische Lehrobjekte verkauft werden - kalkuliert, und selbstverständlich dauerte es
nicht lange, bis vehemente Gegner der Biokunst mit ihrer Kritik (33) am künstlerischen Umgang mit
dem Lebendigen auf den Plan traten.

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang zudem, dass es bereits verschiedene kommerziell
interessierte Nachfragen dazu gab, die beispielsweise darauf abzielten, im Labor hergestelltes
"opferfreies" Fleisch oder Leder in industriellen Maßstäben herzustellen, was jedoch bisher noch
nicht in die Tat umgesetzt wurde.

[..]

LINKS

(6) http://www.history.ucsb.edu/faculty/marcuse/classes/33d/projects/naziwomen/ilse.htm
(7) http://www.independent.co.uk/arts-entertainment/art/news/body-art-literally-1690128.html
(8) http://en.wikipedia.org/wiki/Anthropodermic_bibliopegy
(9) http://latimesblogs.latimes.com/jacketcopy/2009/07/books-bound-in-human-skin-really.html
(10) http://www.skinbag.net/
(11) http://www.humanleather.co.uk/
(12) http://www.fact.co.uk/news/?id=128
(13) http://www.phoresis.org/images/stories/skin_gall/skin_gallery_guide.pdf
(14) http://www.orlan.net/
(15) http://www.stelarc.va.com.au/
(19) http://www.symbiotica.uwa.edu.au/
(20) http://www.tca.uwa.edu.au/
(21) http://www.nathancallahan.com/meat.html
(22) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/15/15173/1.html
(23) http://www.elizabethdemaray.com/
(24) http://www.cepagallery.org/exhibitions/trans_evolution/demaray.html
(25) http://www.imdb.com/title/tt0390521/
(26) http://www.ekac.org/
(27) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/7/7741/1.html
(28) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/16/16148/1.html
(29) http://www.aec.at/prix_history_de.php?year=2009
(30) http://de.wikipedia.org/wiki/Joel-Peter_Witkin
(31) http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Nitsch
(32) http://de.wikipedia.org/wiki/Gunther_von_Hagens
(33) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/14/14022/1.html

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