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 Affen wissen um die Zukunft
Name: Achim StößerAchim Stößer Permalink: https://tierrechtsforen.de/13/1503/1506

Datum: 10.06.06 22:53
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HANDELSBLATT, Donnerstag, 08. Juni 2006, 09:52 Uhr
Primatenforschung


Affen wissen um die Zukunft


Von Ulrich Kraft


Primaten teilen mit uns nicht nur den Großteil des Genpools, sondern auch die Fähigkeit vorauszuplanen. Das stützt die Forderung nach besonderen Rechten für sie.




DÜSSELDORF. Als Francisco Garrido vor Wochen einen Entschließungsantrag ins spanische Parlament einbrachte, ahnte er wohl nicht, welch heftige Debatte er in Gang setzte. Der zu den regierenden Sozialisten gehörende Abgeordnete forderte, Menschenaffen wegen ihrer engen Verwandtschaft mit dem Homo sapiens per Gesetz gewisse Grundrechte zu gewähren, etwa das auf Leben, Freiheit und körperliche Unversehrtheit. Das hieße in der Praxis: Die natürlichen Lebensräume von Schimpansen, Orang-Utans, Gorillas und Bonobos sind zu schützen, sie dürfen weder in Zoos eingesperrt, im Zirkus vorgeführt noch zu Forschungszwecken benutzt werden.

Mit Spott und Kritik wird seitdem nicht gegeizt: „Als Nächstes sollen sie wohl noch Pensionsansprüche und das Anrecht auf Bäume mit 30 Quadratmetern Wohnfläche bekommen“, höhnte die Zeitung „El Pais“. Garrido verteidigt seinen Vorstoß damit, dass sich Primaten in vielerlei Hinsicht höchst menschlich verhalten: „Sie trauern über den Tod von Angehörigen, teilen sich die Nahrung, gehen feste Beziehungen ein und erlernen die Benutzung von Werkzeugen.“ Sie seien zwar keine Menschen, gehörten aber zu unserer Familie. Eine Steilvorlage für Federico Jiménez Losantos. „Mancher wird sagen, es sei logisch, dass die Sozialisten Menschenaffen für superschlau halten, weil diese Generation ihnen an intellektuellen Fähigkeiten nicht sehr weit überlegen ist“, ätzte der Kolumnist des „El Mundo“.

Was Losantos wohl in seinen Hosentaschen hat? Geldbörse, Hausschlüssel, eventuell einen Kugelschreiber oder ein Taschenmesser. Und warum schleppt er diese Dinge mit sich herum? Weil sie nützlich sein könnten. Vielleicht will er ja etwas aufschreiben oder einen Apfel schneiden, nicht jetzt, sondern später. Aus demselben Motiv rüsten wir Autos mit Ersatzrädern aus, backen Freunden Geburtstagskuchen und sparen für das Alter.

„Für zukünftige Bedürfnisse zu planen gehört zu den herausragenden geistigen Leistungen des Menschen“, erklärt Josep Call vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Gemeinsam mit Nicholas Mulcahy hat der Forscher in der Zeitschrift „Science“ Experimente veröffentlicht, die Losantos’ Worte in einer Weise bestätigen, die dem spitzfedrigen Kolumnisten kaum zusagen dürfte: Auch Affen planen für die Zukunft. Selbst für Call, der am Primatenforschungszentrum im Leipziger Zoo täglich mit unseren haarigen Vettern zu tun hat, ein überraschendes Ergebnis. „Die Fähigkeit zur mentalen Zeitreise galt bislang als einzigartig menschlich, doch das hat sich jetzt als falsch erwiesen.“ Zumindest in diesem Punkt sind die intellektuellen Unterschiede zwischen Menschenaffen und Menschen nicht sehr groß. Und das, Senor Losantos, gilt keineswegs nur für Sozialisten.

Am ersten Experiment nahmen fünf Zwergschimpansen (Bonobos) und fünf Orang-Utans teil, die schon gelernt hatten, mit einem Werkzeug Trauben aus einer Apparatur zu angeln. Im Testraum lagen acht Werkzeuge zur Auswahl, sechs ungeeignete und zwei passende. Nach fünf Minuten wurden jeder Affe in einen Nebenraum gesperrt und durfte zusehen, wie die Forscher sämtliche Werkzeuge entfernten. Als sich die Tür nach einer Stunde wieder öffnete, musste der Proband, um an das Leckerli im Futterspender heranzukommen, das geeignete Hilfsmittel zuvor in den Warteraum getragen und jetzt wieder mitgebracht haben.

Sechzehn Mal absolvierte jeder Affe das Experiment – und in mehr als der Hälfte der Versuche gelang den Tieren das Kunststück, das zumindest eine gewisse Vorstellung von „später“ voraussetzt. „Die Affen wählten, transportierten und behielten das passende Werkzeug nicht, weil sie es gerade brauchten, sondern, weil sie wussten, dass sie es in der Zukunft brauchen würden“, so Josep Call. „Zum ersten Mal hat ein nicht-menschliches Tier diese Fähigkeit zur Vorausplanung gezeigt.“ Den zuverlässigsten Weitblick besaß – wie sollte es anders sein – eine Frau. Das Orang-Utan-Weibchen Dokana nahm in 14 von 16 Versuchen das notwendige Utensil rechtzeitig an sich. Einmal kehrte sie zwar mit dem falschen zurück, doch dann brach die clevere Dame mit den roten Haaren so lange kleine Stücke vom „Schlüssel“ ab, bis er doch ins Schloss passte.

Durch Konditionierung – Stichwort Pawlowscher Hund – lässt sich das Ergebnis nicht erklären, denn jene Theorie besagt, dass Tiere eine bestimmte Handlung nur ausführen, wenn sie binnen weniger Sekunden dafür belohnt werden. Die Orang-Utans und Bonobos trugen aber Gegenstände in den Warteraum, obwohl sie eine Stunde auf ihren fruchtigen Lohn warten mussten. Möglich wäre allerdings, dass die Affen in diesem Zeitraum permanent an die Trauben gedacht haben, zumal sie den Futterspender stets sehen konnten.

Um das auszuschließen, baten die Forscher Dokana und Kuno, einen Bonobo, zu einem weiteren Experiment. Diesmal wurden sie nicht in den Warteraum, sondern in ein anderes Zimmer gebracht, wo sie über Nacht blieben. Erst vierzehn Stunden später durften sie in den Testraum zurück. Als sie morgens dort ankamen, hatten sie meist das geeignete Werkzeug dabei, Kuno bei acht von elf Versuchen, Dokana kaum seltener. „Entscheidend sind nicht die vierzehn Stunden, sondern ist, dass die Tiere dazwischen schliefen“, sagt Call. „Denn dass sie von den Trauben und deshalb auch vom Werkzeug träumen, ist mehr als unwahrscheinlich.“ Er wertet das als noch stärkeren Hinweis auf Vorausplanung: „Menschenaffen können über ein Problem nachdenken, das sie erst morgen lösen müssen.“ Sie behalten den Plan im Gedächtnis, um ihn am nächsten Tag umzusetzen.

Ob Affen über die Zukunft nachsinnen wie Menschen, wird man wohl nie wissen. Dazu müsste man in ihre Köpfe schauen. „Eher nicht“, vermutet Call, „sie haben schließlich keine Sprache.“ Dafür, dass Affen ihre Fähigkeit zu planen auch in freier Wildbahn nutzen, fehlen bisher Belege. Call geht aber davon aus: „Die Wahl des Schlafplatzes ist beispielsweise Teil dessen, was sie am kommenden Tag vorhaben.“

Bei den jüngsten Versuchen waren die Tiere stets allein im Warteraum. Das werden die Leipziger Wissenschaftler jetzt ändern, um herauszufinden, ob Primaten ihr Werkzeug vor diebischen Artgenossen schützen. „Falls ein Affe den Gegenstand gegen andere verteidigt, zeigt das umso mehr: Ihm ist klar, dass er das Ding noch brauchen wird“, sagt Call.

Menschenaffe und Mensch sind sich sehr ähnlich, müsste Federico Jiménez Losantos dann zugeben. Und wiederum gilt das nicht nur für Sozialisten. Es sei denn, der rechtsgesinnte Kolumnist rückt den Inhalt seiner Hosentaschen freiwillig raus.



HANDELSBLATT, Donnerstag, 08. Juni 2006, 09:52 Uhr

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