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 Geflügelzucht | Sisyphos im Stall
Name: Achim StößerAchim Stößer Permalink: http://tierrechtsforen.de/13/2184/2185

Datum: 20.06.12 22:32
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Wie ein Bauer aus Niedersachsen das ethische Dilemma der Hühnerindustrie lösen will

© Bernd Thissen/dpa

Diese Hühnerküken auf einem Geflügelhof in Deutschland sind etwa eine Woche alt.

Wenn Carsten Bauck über seinen Ökobauernhof führt, vorbei an dem alten Wohnhaus aus Fachwerk über die Wiese zu den Hühnerställen, kann er ganz schön ins Schimpfen geraten: über die »moderne Geflügelindustrie und die Kommerzialisierung der Schöpfung«. Dabei ist Bauck kein Hardcore-Öko mit Filzhut, kein Weltfremder mit Wünschelrute. Er hat ein iPhone in der Tasche, pendelt im silbernen Mercedes zwischen Putenstall und Ochsenweide, und mit seiner wuchtigen Statur gleicht er dem Boxer Axel Schulz.

Der Hof im niedersächsischen Uelzen sei so etwas wie ein Labor, sagt Bauck – für eine bessere, eine ethischere Landwirtschaft. Schauplatz seiner Suche ist der Hühnerstall. Vor mehr als einem Jahr startete Bauck hier mit 1.000 Hühnern vom Typ Tetra-H seinen bisher größten Versuch. Die Tiere mit der nüchternen Bezeichnung sind sogenannte Zweinutzungshühner: Die Hennen legen Eier, die Hähnchen setzen Fleisch an.

Geboren im falschen Stall

Das klingt banal, ist aber ganz und gar ungewöhnlich. Warum, zeigt ein Blick in die Statistik: Zehn Milliarden Eier landen jährlich in den Einkaufskörben der deutschen Verbraucher. Ausnahmslos jedes wurde von Hybridhennen gelegt. Diese Tiere sind Spezialkreationen großer Zuchtkonzerne, optimiert für eine hohe Eierproduktion. Das Problem: Ihre männlichen Geschwister setzen nur wenig Fleisch an, weshalb sie, kaum geschlüpft, als »Eintagsküken« vergast und geschreddert werden – Jahr für Jahr rund 40 Millionen Tiere.

Im Gegensatz zu den Brüdern der Industriehennen lassen sich die männlichen Küken der Zweinutzungshühner mästen. Deshalb holte Bauck das Tetra-H-Geflügel, Hennen wie Hähnchen, auf seinen Hof. Seine Hoffnung damals: mit dieser Rasse das ethische Dilemma der Hühnerhaltung endlich zu lösen. »Die Kunden denken, bei uns ist alles heile Welt«, sagt er. »Die Wahrheit ist das nicht.« Denn auch bei ihm legen, wie bei allen anderen Bio- und Demeter-Betrieben in Deutschland, immer noch Hybridhühner die Eier.

Heute, nach 1.000 vorzeitig geschlachteten Hühnern, spricht Bauck von einer Bankrotterklärung. Aber der Reihe nach...

Dass die Kombihühner überhaupt nach Uelzen kamen, war reiner Zufall. Eine Geflügelhändlerin und Bekannte von Carsten Bauck entdeckte die Tiere während einer Reise auf kleinen ungarischen Familienhöfen. Sie machte Fotos und brachte Eier mit nach Deutschland. Zwar existieren auch hierzulande noch alte Zweinutzungsrassen, die bis in die fünfziger Jahre die Bauernhöfe dominierten. Die meisten von ihnen sind heute aber vom Aussterben bedroht. Kommerziell zu gebrauchen sind sie nicht, da die Hennen der alten Rassen nur um die 200 Eier jährlich legen. Selbst ein Biohof kann erst ab 270 Eiern pro Tier und Jahr wirtschaftlich arbeiten – im Durchschnitt zehn Eier mehr legt eine Tetra-Henne, weil ungarische Züchter irgendwann einmal ein Hybridhuhn in die alte Rasse eingekreuzt haben.

Bauck war begeistert und bestellte eine Herde. Dann begann das Rechnen. Der Bauer wusste, dass Tetra-H ein Drittel mehr Futter braucht als seine Hybridhühner. Über das Jahr zeigte der Taschenrechner einen Verlust von 10.000 Euro an. Das war ihm sein Versuch in ethischer Geflügelhaltung wert. Teurer verkaufen wollte er die Eier der ungarischen Hühner vorerst nicht. Zwar seien Kunden bereit, für gute Tierhaltung mehr zu bezahlen, sagt Bauck. Aber auch bei ihnen vermutet er eine Schmerzgrenze. Deshalb kosteten die Eier der ungarischen Hühner mit 39 Cent im Biosupermarkt in Hamburg und Berlin genauso viel wie die seiner 2.000 Hybridhennen. Eigentlich hätten sie wegen der Futterkosten 50 Cent kosten müssen.

Man kann Baucks Experiment, der Hühnerindustrie im Alleingang einen Ausweg aus der ethischen Sackgasse zu weisen, mutig nennen oder auch verrückt. Es stimmt wohl beides. Denn er war der erste Landwirt in Deutschland, der einen solchen Großversuch wagte. Sein Kalkül: Zeigt sich, dass sich Zweinutzungshühner erfolgreich halten lassen, springen andere Bauern auf und werden Tetra weiterzüchten.

Aufseiten der Wissenschaft herrscht allerdings Skepsis, was den Nutzen von Kombihühnern angeht. Das Zweinutzungshuhn sei keine Antwort auf die Probleme der Bauern und ethisch bewusster Kunden, sagt der Tiergenetiker Steffen Weigend, der für das staatliche Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) in Neustadt arbeitet. Er rechnet vor: Ein gängiges Hybridhuhn benötige pro Kilo Eimasse knapp zwei Kilo Futter, Zweinutzungshühner brauchten das Doppelte. Ähnlich schlecht sei die Bilanz, wenn man versuche, die Hähnchen zu mästen.

Weigend hält es deshalb für unwahrscheinlich, dass Kombihühner jemals zur Grundversorgung der Bevölkerung beitragen werden. Im großen Maßstab gehalten, würden sie den Menschen schlicht das Getreide vom Teller picken.

Außerdem ließe sich das Problem des Kükenmords auch ohne Kombihühner lösen, sagt der FLI-Experte. Nämlich mit Pränatal-Techniken, die schon vor dem Schlüpfen das Geschlecht der Küken bestimmten. So müssten die Eier nicht erst ausgebrütet und dann aufwendig sortiert werden. Tatsächlich forschen die großen Zuchtfirmen seit Jahren mit viel Geld in dieser Richtung. Nennenswerte Erfolge gab es bei der Entwicklung bisher aber nicht. Deshalb waren Zweinutzungshühner unter engagierten Bauern schon länger als Alternative in der Diskussion – wenn auch vorerst nur für die Ökolandwirtschaft.

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Sein Experiment scheitert

Am Anfang lief beim Großversuch in Uelzen noch alles gut. Auf der großen Wiese vor den Ställen stieg Bauck regelmäßig in das Gatter »seiner Ungarinnen« und fütterte ihnen das Getreide aus einem großen Eimer mit der Hand.

Dann kam der erste Rückschlag. Nach 22 Wochen Mast fielen die ungarischen Hähnchen in der Blindverkostung mit einigen von der Universalhuhn-Idee begeisterten Spitzenköchen durch – zu wenig Fleisch, zu zäh, zu intensiv im Geschmack. »Wer ist schon bereit«, fragt Bauck, »für ein schlechter schmeckendes Produkt mehr zu bezahlen, nur weil es ethisch besser ist?«

Gegen Ende des vergangenen Jahres folgte dann der Schock. Die Tetra-Hennen fraßen mehr und legten weniger. Die Schalen wurden zudem dünner und poröser – und die Eier damit unverkäuflich. Als Bauck einige Hennen schlachtete, sah er, wo das Futter geblieben war: Die Tiere waren massiv verfettet. Um wenigstens das Fleisch noch verkaufen zu können, entschloss Bauck sich, alle Hühner schon Wochen vor dem eigentlichen Termin zu schlachten. Damit war sein Experiment gescheitert.

Noch sind die Kombihühner nicht wirtschaftlich

Noch heute klingt Bauck zerknirscht, wenn er davon erzählt. Am Ende habe ihn der Versuch mehrere Zehntausend Euro gekostet. Sein Idealismus hat ihm das Betriebsergebnis ruiniert. »Für einen kleinen Betrieb wie unseren ist so ein Projekt eigentlich fahrlässig«, sagt er. Dass die Tetra-H-Hühner nach ein paar Jahren weiterer Zucht wirtschaftlich zu halten wären, glaubt er nach wie vor. Aber wer sollte dafür die Kosten übernehmen? Sowohl beim Demeter- als auch beim Bioland-Verband heißt es lapidar, für eigene Zuchtprojekte fehle das Geld.

Abgefunden hat Bauck sich mit seinem Scheitern nicht. Im ganzen Land hat er kleine Höfe und sogar Hobbyzüchter besucht, die alte Hühnerrassen halten. In der Nähe von Hamburg entdeckte er Deutsche Sperberhühner mit außergewöhnlich hohen Legeraten. Ein neuer Versuch? Zu riskant, die Sperber- hätten seine Hybridhühner mit Seuchen anstecken können. Zweinutzungshühner eines hessischen Hofs erwiesen sich als zu schwer für jene terrassenartigen Plateaus, die Bauck just für eine besonders artgerechte Haltung in seine Ställe baut.

Der eklatante Widerspruch zwischen genetisch optimierter Futterverwertung der Tiere und dem Respekt vor dem Geschöpf Huhn – er bleibt bestehen.

Dass selbst für Ökobauern die Anforderungen der Lebensmittelproduktion und ihr ethischer Anspruch unvereinbar sein können, will Bauck aber nicht akzeptieren. Dieses Jahr plant er, mehrere Tausend Brüder seiner Hybridhennen aufzuziehen; kein Küken soll nach dem Schlüpfen für Eier auf seinem Hof sterben. Diesmal will Bauck auch seine Kunden einbeziehen und die Ethik-Eier drei Cent teurer vermarkten. Dann wird sich zeigen, ob den Käufern eine heile Hühnerwelt genauso viel wert ist wie dem Bauern.

http://www.zeit.de/2012/11/N-Huehnerzuechtung

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