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 Fanatische Ernährer
Name: Achim StößerAchim Stößer Permalink: http://tierrechtsforen.de/13/531/752

Datum: 20.11.04 20:57
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Fuhrs Woche
von Eckhard Fuhr

Diese Woche war meine Lust auf Rohkost besonders gering. Ich las in der Zeitung die schreckliche Geschichte von dem Ehepaar aus Bad Driburg, das sein jüngstes Kind so lange mit veganer Ernährung traktierte, bis es tot war. Mit 15 Monaten wog es nur noch vier Kilogramm und hatte einer Lungenentzündung nichts entgegenzusetzen. Kein Tier soll leiden oder gar getötet werden zum Nutzen des Menschen, sagen die Veganer und lehnen deshalb alle tierischen Produkte ab. Den "normalen" Vegetariern fühlen sie sich haushoch überlegen, denn die nehmen ja Milch und Eier zu sich. Das Kind, das vegan getötet wurde, wollte Milchersatz aus Mandeln und Kokosnüssen nicht zu sich nehmen. Die Eltern wollten es beschützen vor einer Eßkultur, die über Tierleichen geht. Das Kind aber ekelte sich vor der moralisch sauberen Nahrung. Zwei Jahre auf Bewährung wegen Körperverletzung mit Todesfolge erhielten Vater und Mutter, das Sorgerecht für ihre anderen drei Kinder dürfen sie behalten. Sie versprachen, in Zukunft Vegetarier und nicht mehr Veganer zu sein. Der Richter sprach von einer Tragödie. Die Eltern hätten das beste für ihr Kind gewollt. Für so viel Verständnis habe ich kein Verständnis. Es handelt sich hier um Fanatismus mit Todesfolge. Auch bei Ernährungsideologien gibt es Grenzen der multikulturellen Toleranz.


Man ist geneigt, den Veganismus für eine Schrulle zu halten, gegen die niemand etwas haben kann, weil sie ja radikal friedfertig ist und man im Sinne der Freiheit der Persönlichkeitsentfaltung ohnehin jede Schrulle dulden muß. Sollte man den Ernährungsminderheiten, die der brutalen Werbung der Agrarindustrie und dem Spott der Schweinshaxen-essenden Mitwelt ausgesetzt sind, nicht vielmehr das Leben einfacher machen? So dachte wohl die Verbraucherzentrale Bremen, als sie in ihrem "Einkaufsführer für Muslime" jene Produkte kennzeichnete, die nicht nur den Ernährungsvorschriften des Korans, sondern auch denen des Veganismus entsprechen. Über die Nachbarschaft von Islam und Veganismus in dieser Broschüre hat der multikulturelle Amtsschimmel wahrscheinlich nicht nachgedacht. Er wollte halt den Minderheitenservice optimieren. Die eine Minderheit will wissen, wo es Fleisch von geschächteten Hammeln und die andere, wo es gelatinefreie Gummibärchen gibt. So ist das eben im multikulturellen Patchwork.


Müssen wir es für einen Zufall halten, daß die beiden politischen Morde in den Niederlanden, die den multikulturellen Scheinfrieden Europas nachhaltig störten, der Mord an Pim Fortuyn und der an Theo van Gogh, von einem Veganer und einem Islamisten begangen wurden? Und daß beide Mordopfer hervorgetreten sind als Kritiker einer in Gleichgültigkeit umschlagenden Toleranz gegenüber jedwedem kulturellen Eigensinn? Ich will nicht den Eindruck erwecken, der Veganismus und der Islamismus stünden als Bedrohungen der europäischen Gesellschaft auf gleicher Ebene. Der Veganismus ist ein bizarres Randphänomen, der Islamismus eine reale Bedrohung. Jedoch kann man am Veganismus sozusagen en miniature das Entstehen von Parallelgesellschaften studieren. Die Eltern, die ihr Kind verhungern ließen, glaubten sich in heroischem Widerstand gegen eine feindliche Umwelt, auch wenn ihr Handeln wie verzweifelte Hilflosigkeit den eigenen Prinzipien gegenüber wirken mag. Ihr Fanatismus war leise und traurig, aber zu allem entschlossen im Bekämpfen eigener Zweifel und mörderisch gegen das eigene Kind. Nur im veganischen Irrsinns-Universum läßt sich ihr Tun "verstehen". Nur in totalitärer Unbedingtheit kann die veganische Moral existieren. Deshalb kennt sie nur das Einfordern, nicht aber das Üben von Toleranz.

Das Üben von Toleranz beginnt übrigens bei den eigenen Schwächen. Mit Leuten, die ihren Schwächen niemals augenzwinkernd Zugeständnisse machen, kann man nicht zusammenleben. So gesehen sind mir Muslime, die sich in den Nächten des Fastenmonats dem großen Schmausen hingeben, dann doch noch lieber als Veganer. Die meisten Muslime sind nicht übergeschnappt. Veganer sind es in jedem Fall.


Eckhard Fuhr, Feuilletonchef der WELT, hält jeden Samstag an dieser Stelle seine ganz persönliche Rückschau auf die Woche.


Artikel erschienen am Sa, 20. November 2004


http://www.welt.de/data/2004/11/20/362913.html?search=Fanatische+Ern%E4hrer&searchHILI=1

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