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 Occupy Ethics
Name: Achim StößerAchim Stößer Permalink: https://tierrechtsforen.de/occupyethics

Datum: 20.10.11 22:00
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Gestern habe ich mir das Occupy-Frankfurt-Camp angesehen.

Da baustellenbedingt die Züge alle deutliche Verspätung hatten, erwischte ich einen, der so spät war, dass ich 10 Minuten früher als sonst am Bahnhof ankam. Gute Gelegenheit, dachte ich, mal beim Camp vorbeizuschauen (sind ja nur ein paar Minuten vom Bahnhof).

Leider war alles ziemlich verwaist, ausser ein paar Leuten (dem Anschein nach Obdachlose, eine Vermutung die gestützt wurde durch einen Bericht in HR-Info gestern abend, bei der positiv hervorgehoben wurde, dass die Demonstranten "Studenten, Berufstätige, Rentner und Obdachlose" seien), die sich an Feuern in Tonnen wärmten (es war recht frisch, so kurz vor 8; allerdings scheint mir das offene Verbrennen von Abrißhausbalken und hölzernen Obstkisten nicht gerade umweltfreundlich) und einem HR-Kamerateam, das wohl etwas Atmo einfing (eben das New Yorker-Slum-Feeling).

An einem Infostand hingen diverse Slogans sowie eine generische Distanzierung von allen verteilten Flugblättern, ein Zeitungsausschnitt, dessen Ünberschrift den Eindruck vermittelte, die Banken würden den Demonstranten Duschen zur Verfügung stellen (aus Zeitgründen las ich den Artikel nicht, ich kann es also nicht mit Gewißheit sagen). Insgesamt gab es wohl mehrere Dutzend Biwakzelten (heißen die so? ob sie bewohnt waren ließ sich nicht ausmachen), zahlreiche überwiegend handgemalte Plakate und Transpis mit teils wie ich fand recht guten Slogans. U.a. gab es aber auch solche, die nicht erkennbar im direkten Zusammenhang standen, etwa "Atomkraft nein danke" (nachdem die Anti-AKW-Bewegung in den letzten Jahrzehnten ziemlich eingeschlafen war, ist das ja dank Fukushima derzeit wieder ziemlich en vogue, klar, ist wie bei Pelz: ist eh (abgesehen von naheliegenden Ausnahmen) jeder dagegen, da kann man sich cool "engagiert" zeigen (mit Betonung auf "zeigen"), ohne großartig Gefahr zu laufen, anzuecken, etwa bei der peer group, und ohne sein eigenes Verhalten überdenken oder gar ändern zu müssen).

Schließlich fand ich am Essensstand einen Apfelschneider, den ich fragte, ob es irgendwelche Flugblätter gäbe, die ich mir durchlesen könnte. Das erwischte ihn kalt, offenbar war ich der erste, der auf so eine Idee gekommen war, und er wuselte (nachdem er zuerst angenommen hatte, ich wollte Flugblätter auslegen (hm, gute Idee eigentlich) zuvorkommend herum, bis er einen Kollegen fand, der aus seinem Rucksack ein paar A5-Flyer zog. Die Zeit bis dahin nutzte ich, um mich etwas umzusehen. Kuhmilch, Honig, Käsescheiben, Lättamargarine waren offensichtlich unvegan; die Berge an obskurem Gebäck (wohl containert oder gespendet, dem Aussehen nach zu urteilen) vermutlich auch. Immerhin gab es einen Tetrapak Sojamilch, Gurkenscheiben, Möhrenstifte und die erwähnten potentiell veganen Äpfel.

Das Flugblatt war - von Grammatik, Rechtschreibung und Layout spreche ich mal lieber nicht, verzichte aber bei allen folgenden Zitaten hieraus und aus den anderen Flugblättern auf das eigentlich des öfteren erforderliche "sic!" - eher unspektakulär. "Einige unserer Ziele" waren da aufgeführt, "politische Selbstbestimmung und Emanzipation [ich nehme mal in dubio pro reo an, dass das im ursprünglichen, nicht im femisexistisch verdrehten Sinn gemeint ist] weltweit", "stärkere Regulierung der Finanzmärkte, insbesondere spekulative Geschäfte mit Nahrung, Gesundheit, Energie" (da geht ja zumindest offiziell nun selbst Ackermann halbwegs d'accord), "eine echte direkte Demokratie - [diesmal nicht welt-, sondern seltsamerweise nur] europaweit", "Keine Finanzierung der Banken- und Finanzwelt mit Steuergeld" (auch hier scheint mir eine unsinnige Dichotomie analog zu "Befreiung von Mensch und Tier" vorzuliegen, oder sollte die "Bankenwelt" nicht Teil der "Finanzwelt" sein?) sowie "Finanztransaktionssteuer" (naja, nicht gerade innovativ, ich kenne mich mit solchem Wirtschaftskram[pf] ja nicht aus, aber m.W. sind mittlerweile alle Parteien in D quer durch die Bank dafür, außer der FDP). Dann in Riesenlettern "Macht mit!", gefolgt von weiteren Mitmachaufrufen, Ortsangabe und einem Hinweis auf eine "offene und demokratische [hier war nicht klar, ob parallel oder nacheinander] Diskussion, um weitere Ziele gemeinsam zu entscheiden", das ganze um "19.30 Uhr", leider stand nicht dabei an welchem Tag. Schluß war der Hinweis auf occupyfrankfurt.de . V.i.S.d.P. scheint abgeschafft zu sein (siehe auch unten) ...

Da der Apfelschneider halb entschuldigend darauf hingewiesen hatte, dass mittags wohl mehr los sei, nutzte ich einen Teil der Mittagspause, um mir einen zweiten Eindruck zu verschaffen.

Am Infostand gab es nun drei weitere Flugblätter sowie eine Aktivistin.

Das erste dieser drei Flugblätter, ebenfalls A5, betitelt "Unser Rettungsschirm?", bestand aus 11 mit "Kann es sein" beginnenden Fragen, etwa "... dass Griechenland kein Schuldenproblem hat?", "dass wir dafür zahlen, die Banken vor Kreditausfällen zu schützen und [hier die 12.] kann es sein, dass es nie darum ging[,] das griechische Volk vor dem Ruin zu bewahren? Kann es sein, dass dieses [welches jetzt?] Verhalten die Bevölkerung in den Selbstmord treibt?" (auch wenn die Fragen offenbar als zu bejahrend rhetorisch gemeint oder suggestiv waren, hätte ich die meisten wohl mit "nein" oder, "keine Ahnung, damit kenne ich mich nicht aus" beantwortet - im Gegensatz, muss ich gestehen, zur abschließenden Frage, die "Meint ihr[,] wir sind blöd!?" lautete).

Im zweiten, auch A5, hieß es abstrus-egalitär: "Wir sind eine offene Bewegung, in der sich Jede und Jeder einbringen kann. Komm zu uns - egal welcher Herkunft, welchen Glaubens, welcher politischen Weltanschauung." Es würde mich ja schon reizen, da mal als Wachtturmwedel-ZJ oder Bombengürtelmoslem oder Neonazi verkleidet reinzuspazieren ... Der Rest war eher belanglos, bemerkenswert nur noch der in gewissen Kreisen anscheinend beliebte Manierismus spanischer Terminologie ("Asamblea", eigentlich "Plenum", als Bezeichnung für Versammlung.

Apropos spanisch, das dritte (zwei A4-Seiten) war eine Übersetzung des "spanischen Manifests" (online z.B. hier http://1668cc.wordpress.com/2011/05/20/ein-spanisches-manifest-anno-2011-wir-sind-menschen-keine-produkte/ zu finden) mit Sätzen wie "Die Demokratie gehört den Menschen (demos = Menschen, krátos = Regierung), wobei die Regierung aus jedem Einzelnen von uns besteht." (naja, wer wird schon auf solche Feinheiten wie die, dass - ich unterstelle, das die Autoren das sehr wohl wussten - "demos" eigentlich eher "Volk", "krátos" dagegen "Herrschaft" heißt, achten, immerhin haben diese Termini einen ganz anderen Beiklang) oder "Politiker sollten unsere Stimmen in die Institutionen bringen, die politische Teilhabe von Bürgern mit Hilfe direkter Kommunikationskanäle erleichtern, um der gesamten Gesellschaft den größten Nutzen zu erbringen, sie sollten sich nicht auf unsere Kosten bereichern und deswegen vorankommen, sie sollten sich nicht nur um die Herrschaft der Wirtschaftsgroßmächte kümmern und diese durch ein Zweiparteiensystem erhalten, welches vom unerschütterlichen Akronym PP & PSOE angeführt wird" - gut, vielleicht kann man darauf kommen, dass PP und PSOE Akronyme für eben diese beiden Parteien sein könnten (vielleicht bin ich ja einfach politisch zu ungebildet, um mich näher mit der Partido Popular und der Partido Socialista irgendwasa Español auseinandergesetzt zu haben, eine erläuternde Fußnote zumindest hätte nicht geschadet), aber so recht kann ich den Nährwert dieser Aussage frankfurtlokal wie global nicht erkennen.

Bei keinem gab es etwas, das auch nur ansatzweise an einen V.i.S.d.P.-Hinweis erinnerte.

Die Aktivistin, eine 21jährige Politik- und Pädagogikstudentin, wurde gerade fürs Fernsehen (Stuttgart - das müsste S3 sein? Allerdings sah ich nur einen RTL-Übertragungswagen herumstehen) interviewt. Sie sprach recht eloquent und (vielleicht etwas zu) wortreich. Wenig überzeugte mich allerdings ihr Gejammer über irgendwelche Fischer, die ihre "Arbeit" verlören. Und ihre Ausführung auf die Frage, wie denn die Proteste mit dem "normalen Leben" zu vereinbaren seien (wohl ein kaschierter Vorwurf à la "geht lieber arbeiten", wie ein beliebter Gegenslogan bei Demos etc. nicht immer gerechtfertigt lautet, ein Spruch, den diese Leute denen, die in ihrer Freizeit statt sich politisch zu engagieren "auf Schalke" oder "Kegeln" oder "zum Stammtisch" gehen kaum machen würden ... hm, ich stelle mir grade vor, den Fußballfans am Stadion ein "geht lieber arbeiten, arbeitsscheues Gesindel" zuzurufen) - "Ich bin heute morgen um aaacht aufgestanden um zur Uni zu gehen, und heute abend gehe ich arbeiten, es gibt viele hier, die ihre Zeit dreiteilen, ein Teil Studium oder Beruf, ein Teil Camp, ein Teil Arbeit" - fand ich auch nicht ganz überzeugend, nicht allein wegen der verwirrenden Unterscheidung Arbeit/Beruf. Vielleicht bin ich da etwas voreingenommen - mal davon abgesehen, dass der Leidensdruck, den sie zum Ausdruck brachte durch ihr um 8 Uhr Aufstehenmüssen, auf mich schon deshalb befremdlich wirkte, weil ich idR um 5:55 aufstehen muss, habe ich ja auch mal studiert, und zu meiner Zeit begannen die Vorlesungen etc. meist um 8, manchmal (glaube ich) schon um 7, nur gelegentlich mal um 10, so dass "um 8 aufstehen" ein seltener Genuss war; und sie waren kaum mittags schon zu Ende. Nun ja, das mag im Politik- und Pädagogikstudium anders sein, vielleicht werden so ja die zukünftigen Politiker auf die Plenarsitzungen vorbereitet.

Ein paar Meter weiter interviewte eine Journalistin (dem Billigdiktaphon nach zu urteilen wohl von einem Printmedium) einen in eine Jacke aus Tierhaut Gehüllten, der kurz vor einem Tobsuchtsanfall zu sein schien und über die gewalttätigen Machenschaften von Coca Cola und die "Giftigkeit" von Aspartam ("Aspatan oder so") wütete. Besonders glaubwürdig wirkten seine Ausführungen abgesehen von erwähnter Leichenhaut nicht nur durch seine Quellenangaben ("das können Sie googeln!", stimmt, erster Treffer ist eine Verschwörungsseite, die die Tatsache, dass Aspartam u.a. zu wohl vernachlässigbar winzigen Mengen Methan etc. metabolisiert wird, skand(alis)iert), sondern vor allem durch die von bekanntlich höchst friedfertigen und menschen- (um nicht zu sagen allgemein tier-)freundlichen Tabakkonzernen produzierte, ungiftige (ja geradezu antidotisch und überhaupt gesundheitsfördernd - immerhin kommen die Konsumenten viel an die frische Luft, so sie gezwungen sind, z.B. das Büro zu verlassen - wirkende) brennende Zigarette in seiner fuchtelnden Hand.

Viel mehr war außer ein paar mit Flaschen in der Hand Herumstehenden und einer Frau, die kostenlose Exemplare der "Welt kompakt" (ohne Bezug, soweit ich sehen konnte) verteilte, auch diesmal nicht los. Ich deponierte noch, der unfreiwilligen Empfehlung des Apfelschneiders folgend, einen Stapel Flyer am Essensstand (schaden kann's nicht, vielleicht kommt ja jemand vorbei, bei dem es nützt).

Es ist frappierend, dass diese Veranstaltung in den Medien so überaus positiv (das ist jedenfalls mein Eindruck) transportiert wird. Aber es ist wohl wie mit "Pelz" und "Kernkraft": gegen die Bankenmachenschaften kann leicht jeder sein. Und dabei weiter Käse fressen und "Leder" tragen.

Im erwähnten "spanischen Manifest" heißt es: "Wir brauchen eine ethische Revolution". La révolution est morte, vive la révolution. Oder besser, es ist ja spanisch angesagt: ¡Viva la revolución! Klingt gut.

Wir brauchen eine ethische Revolution. Das ist richtig und das sagen wir seit langem. Aber das ist wohl kaum eine - und wenn sie es wäre: brauchten wir sie auf diese Weise, mit solchen "Revolutionären"?

Wir brauchen einen Veganismus, der diese Bezeichnung verdient, wir brauchen eine Tierrechtsbewegung, die diese Bezeichnung verdient und vieles mehr.

Wir brauchen eine ethische Revolution - die diese Bezeichnung verdient.

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