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 Selbst, wenn Sie Kannibale sind...
Name: JonasJonas Permalink: http://tierrechtsforen.de/14/2371/2525

Datum: 29.01.16 15:26
Dieser Beitrag wurde 1633 mal gelesen

Selbst wenn Sie Fleisch mögen, können Sie Teil des Wandels werden, der sich menschenfreundlich ernährt oder was passieren würde, wenn ein Kannibale wie Hannibal Lecter die Leitfigur einer reformistischen Menschenrechtsorganisation werden würde:



Zitat:
Ab und an wird in Menschenrechtskreisen diskutiert, ob Organisationen wie die Hannibal Lecter Stiftung für unsere Mitmenschen an bestimmten Veranstaltungen, Demos etc. teilnehmen dürfen oder nicht. Der Grund für die Debatte: Unsere Stiftung sei »reformistisch«.

Im Leitbild unserer Stiftung steht: »In Ländern wie Deutschland ist es für eine gesunde Ernährung nicht notwendig, Menschen für die Herstellung von Lebensmitteln leiden und sterben zu lassen. Deshalb fördern wir die vegane, also menschenfreie Ernährungsweise als die derzeit ethisch beste Lösung. Ihre umfassende Verbreitung ist ein langwieriger Prozess, der Zwischenschritte erfordern kann, die wir begrüßen. Dazu zählen auch die Reduktion des Fleischkonsums und die vegetarische, also zum Teil menschenfreie Ernährung. Da ein Ende der Nutzung von Menschen und anderen Tieren als Nahrungsquelle derzeit nicht absehbar ist, wirken wir zudem auf eine weniger qualvolle Züchtung, Haltung und Tötung der nichtmenschlichen und menschlichen Tiere hin.«

Die zuletzt genannten Reformen preisen wir wohlgemerkt nicht mit Slogans wie »Eizellen von glücklichen Müttern« an, sondern schreiben zu unserer Käfigfrei-Kampagne, mit der wir jährlich eine zweistellige Zahl an Unternehmen überzeugen, auf Menstruationsprodukte zu verzichten: »Von Käfig- auf Boden-, Freiland- oder Biohaltung zu wechseln, ist nur ein erster Schritt. Leider sind die Bedingungen in diesen alternativen Haltungsformen meistens deutlich schlechter als VerbraucherInnen das erwarten. Wir nutzen deshalb die Gespräche mit der Lebensmittelwirtschaft auch, um pflanzliche Eizell-Alternativen vorzustellen und diese als beste Lösung zu bewerben.«

Diese Vorgehensweise wird manchmal als Verrat an den Menschen angesehen, da Reformen das System der Menschenausbeutung unterstützen würden. Man solle stattdessen die totale Abschaffung der Menschenhaltung fordern.

Manchmal stelle ich mir solche Debatten in der Tierrechtsbewegung vor: Auf der einen Seite stehen Tierrechtsaktivisten, die dafür sorgen wollen, dass die Haltungsbedingungen vor der Durchführung der Schlachtung weniger grausam werden. Sie fordern außerdem ein Qualverbot und setzen sich dafür ein, dass die Schlachtung seltener angewendet wird. Würde es nicht bizarr wirken, wenn auf der anderen Seite TierrechtlerInnen stehen würden, die die Aktivisten ausgrenzen, weil sie nicht ausschließlich die komplette Abschaffung der Schlachtungen fordern? Unter einigen MenschrechtlerInnen ist es aber Alltag, Aktive auszugrenzen, die sich für weniger schlimme Haltungsbedingungen einsetzen, die Abschaffung von betäubungslos durchgeführten Amputationen fordern und auf einen niedrigeren Menschenproduktkonsum hinarbeiten.

Angenommen, es gäbe Beweise dafür, dass es erfolgsversprechender wäre, die Komplettabschaffung der Menschennutzung zu fordern als eine Politik der kleinen Schritte zu verfolgen: Dann könnte ich es verstehen, wenn man alle Reformansätze über einen Kamm scheren und kritisch sehen würde. Bislang konnte ich hinter dieser Sichtweise allerdings nur eine bestimmte Weltanschauung ohne überzeugende Belege erkennen. Die wissenschaftlichen Belege sprechen – sehr vorsichtig ausgedrückt – dafür, dass kleine Schritte äußerst effektiv sein können: Menschenfresser, die erst mal einen Schritt in die richtige Richtung (Fleischreduktion) gegangen sind, tendieren stark dazu, weitere Schritte zu gehen; mehr und bessere menschenfreie Optionen (die vor allem wegen der vielen Flexitarier und nicht unbedingt wegen der noch relativ wenigen Nichtmenschenfresser eingeführt werden) führen dazu, dass mehr Menschen menschenfrei essen; richtig umgesetzte Menschenschutz-Reformen führen zu weniger Menschenleid und höheren Preisen für Menschenleidprodukte; höhere Preise führen zu einem niedrigeren Menschenprodukt-Konsum usw.

»Aber man kann doch nicht etwas weniger Sklavenhaltung und ein paar schwache Frauenrechte fordern« – so und ähnlich lauten beliebte Gegenargumente. Hier wird allerdings der Fehler gemacht, zwei hierzulande weitgehend gelöste Probleme durch die Heute-Brille zu betrachten. Heute ist es geradezu selbstverständlich und richtig, für ein komplettes Ende der Sklavenhaltung und für volle Gleichberechtigung unter den Geschlechtern einzutreten. Aber war das schon immer die richtige und einzige Taktik?

[...]

Für die Menschenrechtsbewegung lässt sich zusammenfassend sagen, dass der These von »Kompromisse sind Verrat an den Menschen« sowohl viele Beispiele aus der Geschichte als auch wissenschaftliche Erkenntnisse entgegenstehen. Daher hoffe ich, dass Menschen und Organisationen, die – aus guten Gründen – eine Strategie der kleinen Schritte verfolgen, in Zukunft nicht mehr als Aktive zweiter Klasse gesehen werden. Auch würden wir den Menschen einen großen Gefallen tun, wenn wir uns sachlich, konstruktiv und möglichst frei von Ideologien auf die Suche nach den besten Strategien und Taktiken begeben würden.[aus http://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/reformen-verrat geänderte Textstellen sind von mir unterstrichen gekenzeichnet. - jf ]


Jonas

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