Tierrechtsforum
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 Lebenswert-Lebensunwert?
Name: Sebastian Antispe Permalink: https://tierrechtsforen.de/1/9702

Datum: 24.06.12 07:58

Für die, die es interessiert habe ich einige (für mich schmerzhafte) Erlebnisse meines gestrigen Nachmittages zusammengefasst und versucht, meine Emotionen ehrlich wieder zu geben. Der ein oder andere mag es vielleicht nicht nachvollziehen können, aber vielleicht kann ja jemand seine eigene Gefühlslage darin wieder finden:

Nachdem wir beschlossen haben, eine Fahrradtour mit den Kindern zu unternehmen, sehen wir mitten auf dem Fahrradweg vor einer Wirtschaft eine zusammengekauerte Taube sitzen, deren eines Bein seitlich weghängt. Ich spring in einen Spielzeugladen nebendran, kauf schnell einen Kescher und leer meinen vollen Rucksack in den Kinderanhänger, um die Taube reinsetzen zu können.
Als die Taube beim Einfangen unter einen Tisch mit Gästen flieht und ich sie mit dem Kescher eingefangen hab und in den Rucksack setze, höre ich, scheinbar vom Besitzer der Kneipe, die netten, liebreizenden Worte:
"Ey Aldaaa, was ist los, was machst du hier?"
Nachdem ich erklär, dass die Taube ein gebrochenes Bein hat und in die Tierklinik muss, schnauzt er mich an:
"Und, ist das dein Problem? Deine Taube oder was, scheiß auf die Taube."
Als ich ihm sag, dass ich ihn auch nicht liegen lassen würde, würde er mit gebrochenem Bein auf der Straße liegen und ich das deswegen jetzt genauso wenig bei der Taube machen werde, schreit er mich an:
"Was hast du gesagt? Was hast du gesagt? Hast du ein Problem, Arschloch?" und einige andere Gäste fangen an, auf ihn einzureden.
Ich pack also den Rucksack mit der Taube ein und mach mich auf den Weg zur nächsten Tierklinik, wo man mich mittlerweile schon recht gut kennt.
Dort angekommen geht erstmal die große Diskussion los, wer die Untersuchung zahlen soll. Ich erzähle, dass es eine Wildtierhilfe gibt und ob man dort nicht anrufen könne. Nach einigem Hin- und Her-Telefonieren erzählen sie mir, dass diese nur die Pflege übernehmen würden, aber keine Untersuchung oder OP, dass die Klinik aber aus Kulanz das Röntgen selbst übernimmt, um erstmal zu wissen, was los ist.
Nachdem ich die Taube zum Röntgen mitschicken musste, zeigen sie mir die Röntgenbilder:
Mehrfache Beinbrüche, gebrochenes Knie, gebrochene Hüfte, eine Tennisball-große Schwellung am Unterkörper der Taube - ein Mensch hat sie mit voller Wucht getreten!
Anschließend erklären sie mir, dass eine Operation zwischen 500 und 1000 Euro kosten würde, weil die Brüche so kompliziert und die Nachpflege so aufwendig werden würde und dass es fraglich ist, ob es überhaupt erfolgreich operiert werden kann. Da die Wildtierhilfe die Kosten nicht übernimmt, auch das Tierheim kranke Wildtiere sofort einschläfert und ich erst vor wenigen Wochen in der Klinik Behandlungskosten für ein Kaninchen von knapp 800 Euro verursacht hab, die ich gerade momentan in monatlichen Raten abzahle, kann man mir leider auch keine weitere OP auf Rechnung bewilligen, weswegen nur noch Einschläfern bleibt, weil die Taube große Schmerzen hat.

Während die Ärztin die Giftspritze aufzieht, darf ich die Kleine noch einmal in meine Hände nehmen, streicheln, den Kopf kraulen.
Dann bekommt sie die Todesspritze in den Brustkorb, liegt dabei in meinen Händen, schaut mich mit ihren kleinen Augen an, blinzelt mich an, weiß ganz genau, was passiert. Ich kraul sie, rede beruhigend auf sie ein, bis sie nach 2 Minuten ihre Augen schließt und ihr Kopf auf die Seite fällt.
Die Ärztin hört ihr Herz ab - Tot.
Ich frage mit Tränen, die mir über die Wange rollen, ob ich sie mitnehmen und beerdigen dürfte. Nein, das wäre verboten, sie müsse mit anderen Tierleichen verbrannt werden.

Ich geh nach draußen, kann mich nicht mehr halten, möchte am Liebsten meine Wut auf meine ganze brutale, primitive Spezies heraus brüllen und nur noch schreien.
Wir fahren nach Hause, gehen ins Treppenhaus, wo die Nachbarskinder gerade "Spinnen töten, Spinnen töten" schreien und mit Besen Spinnen zerquetschen wollen...

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass ich nicht mehr Mensch sein möchte, dass ich keine Menschen mehr sehen will, keine Menschen mehr ertrage, dass alles was wir tagtäglich tun, nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist gegen das, was der Rest der Menschheit im selben Moment unseren Mitgeschöpfen antut. Dass vor nicht einmal 2 Stunden ein Leben in meinen Händen sein Ende gefunden hat, weil brutale, kaltherzige Menschen keinen Respekt vor gar nichts haben. Ich mag nicht mehr ruhig sein, ich kann nicht mehr still zuschauen, ich kann mich nicht mehr einfach nur selbst nicht mehr daran beteiligen. Die Menschheit ist ein Virus, eine Krankheit, die nur Zerstörung und Töten kennt.
Ich möchte gerade jetzt wieder schreien:
RACHE FÜR JEDES ERMORDETE TIER!
und weiß doch, dass mich niemand hören wird.

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 Re: Lebenswert-Lebensunwert?
Name: P. Permalink: https://tierrechtsforen.de/1/9702/9703

Datum: 24.06.12 11:07

Rache wäre nun doch das Gegenteil von dem, was du deiner Umnwelt vorlebst. Und was du vorlebst finde ich toll.

Zu dem Wirt: Der ist wohl einfach nur assi und hat Stress gesucht, der Anlass war da sicher egal.

Zu der Klinik: So traurig die Situation ist. Tauben werden hierzulande vergiftet oder erschlagen, da übernimmt niemand die Folgekosten...
Und es gibt auch Menschen auf der Welt, die wegen eines Beinbruchs sterben müssen und die uns hier nicht interessieren. Das ist nichtmal nur speziesistisch. Bei allem Einsatz für die Tiere wollte ich diesen Blick fürs Ganze mal einrücken. Menschen tun Schlechtes, nicht nur Tieren.

Ich denke der erste wichtigste Schritt führt aber dahin, dass Menschen Tiere nicht mehr unnötig quälen und töten, nicht darüber 800 Euro-Ops für Tauben durchzusetzen, auch wenn das ideal und sicher auch möglich wäre, wenn die Menschen ihre Ressourcen mal hübsch verteilten und nicht so gierig wären.

Die Geschichte ist sehr traurig, aber gleichzeitig hört sich das Schicksal der Taube für mich dennoch friedlich an.

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 Re: Lebenswert-Lebensunwert?
Name: martin Permalink: https://tierrechtsforen.de/1/9702/9705

Datum: 24.06.12 19:36


> Die Menschheit ist ein Virus, eine Krankheit, die nur
> Zerstörung und Töten kennt.

Entweder zählst du dich und eine Reihe von anderen Tierrechtler nicht zur Menschheit oder diese Pauschalisierung ist falsch.
Will heißen: Speziesismus "in die andere Richtung" scheint manchmal gerechtfertigt, ist aber sicher keine gute Option.

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 Re: Lebenswert-Lebensunwert?
Name: SteffenSteffen Permalink: https://tierrechtsforen.de/1/9702/9706

Datum: 24.06.12 21:59


Hallo Sebastian,

schön, dass Du Dich um die Taube gekümmert hast.
Ich kann gut nachvollziehen, wie Du Dich damit fühlst.

Wenn Du nach dieser oder nach kommenden Situationen das Gefühl hast, nicht mehr/nur schlecht mit dem Erlebten umgehen zu können, hilft es vielleicht, wenn Du mit Menschen sprichst, die sich schon länger mit emotionalen Verletzungen im Zusammenhang mit politischen Aktionen o.ä. beschäftigen.

Nennt sich "Out of Action". Soweit ich weiß, gibt es die in Berlin, Hamburg und Köln.
Falls das alles zu weit weg wäre, können Dir die Leute aber meistens Gruppen in Deiner Nähe nennen, die zu dem Thema ansprechbar sind.

Mailadresse findest Du auf der Homepage:

https://outofaction.net/

Das finde ich auch schon hilfreich:

https://outofaction.net/system/files/%252Fvar/drupal-files/Infos%20kompakt.pdf

Liebe Grüße

Steffen

P.S.
Es ist übrigens unfassbar, dass hier Einigen offensichtlich nix anderes einfällt, als auf so einen persönlichen, emotionalen Bericht mit nichts anderem als Belehrungen und Kritik zu reagieren. Selbst dem_der spitzfindigsten Besserwisser_in sollte bewusst sein, dass hier kein "politisches Manifest" vorgelegt wurde, sondern dass sich hier ein Mensch mitgeteilt hat, der sich in einer emotionalen Ausnahmesituation befand, als er das geschrieben hat.
Unter Anderem solche Erfahrungen im Umgang miteinander haben dann ja auch dazu geführt, dass "Out of Action" ins Leben gerufen wurde.

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 Re: Lebenswert-Lebensunwert?
Name: Nicole J. Permalink: https://tierrechtsforen.de/1/9702/9707

Datum: 25.06.12 23:42


Dein PS ist wohl ein kleines bisschen zu emotional geraten, wenn Du Dir den Beitrag auf den Du Dich offensichtlich beziehst nochmal durchliest wird Dir nun (beim 2.Mal lesen) vermutlich auffallen, dass es sich lediglich um konstruktive Kritik handelt, nix zu tun hat mit Spitzfindigkeit oder Besserwissertum und auch das der Verfasser sehr wohl begriffen hat, dass es sich nicht um ein politisches Manifest handelt. Indem Du den Verfasser derart kritisiert hast, hast Du Dich mE auf eben die Ebene begeben, die Du zu vermeiden suchst und ersuchst. Im Übrigen hat Sebastian Antispe an anderer Stelle mal klar formuliert, dass er jederzeit für Kritik offen und dankbar ist und an wieder anderer Stelle hat er das auch bewiesen...

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 Re: Lebenswert-Lebensunwert?
Name: P. Permalink: https://tierrechtsforen.de/1/9702/9708

Datum: 25.06.12 23:54


Ich weiß gar nicht, ob er sich jetzt auf martin oder mich oder beide bezogen hat.

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 Re: Lebenswert-Lebensunwert?
Name: AlunasAmnesia Permalink: https://tierrechtsforen.de/1/9702/9744

Datum: 18.08.12 17:22


Hallo Sebastian, ich verstehe dich so gut.

Manchmal weiß ich nicht mehr, wie ich das aushalten soll, die Hilflosigkeit, die nie enden wollenden Grausamkeiten, von denen ich dieses ganz klein wenige mitbekomme, von dem, was sich tagtäglich an Quälerei und Schmerz abspielt, allüberall auf der Welt.

Wenn ich im fernsehen Berichte über Klimaveränderung und -katastrophen sehe, denke ich mittlerweile, wir Menschen haben es genau so verdient und ich hoffe, dass noch genug Tiere übrig sind, die den Planeten in Besitz nehmen können, wenn der Mensch sich in seiner Gier und dem Nachgeben seiner niederen Instinkte selbst gerichtet hat.

Mein Trost bis dahin sind aber Menschen wie du. Gib nicht auf.

Anke

"Wenn es dort wo du bist, so dunkel ist, dann sei du das Licht."(ein Engel)

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